Adamowski …

Adamowski und die SG Sonnenhof-Großaspach 09.04.2014

Ihr alle kennt dieses ungute Gefühl vor dem Besuch beim Zahnarzt – wird er bohren oder nicht?

So ungefähr fühl ich mich, wenn ich so jedes Jahr kurz vor Ostern damit beginne, die höherklassigen Amateurtabellen und die unterklassigen Charts der Profiligen zu durchforsten – um zu sehen, wer da vermutlich auf- oder absteigen wird – und wenn Du dann schon seit einigen Jahren mit mehr als unguten Gefühlen die abstrustesten Fußballkonstrukte wie das Leipziger Projekt oder jene unsäglichen Kraichgau Monotones auf ihrem vorfinanzierten Weg durch die Fußball Ligen verfolgst, dann sind stets diese Befürchtungen da, wer denn als vor-und durchfinanzierte aber traditionslose Fußballschlampe da noch nachziehen könnte. 

In diesem Jahr werden die Freunde der Retortenklubs besonders reich beschert werden, lauern doch bereits ab Liga 3 mit Heidenheim und RBL schon zwei Langweiler allererster Kategorie auf den Top-Plätzen der Liga – aber richtig Zahnschmerzen bekommst Du beim Blick auf die darunter liegenden Regionalligen – und ganz übel wird es nun die Fußballfreunde aus Deutschlands einstmals wildem Süd-Westen treffen . 

Angeführt von der SG Sonnenhof-Großaspach wird das „Spitzentrio“ dieser Liga derzeit von Freiburg II und Mainz II komplettiert und eine ganze Garde an Traditionsklubs mit dem KSV Baunatal, Hessen Kassel, Wormatia Worms, Kickers Offenbach, SSV Ulm (einst Deutschlands mitgliederstärkster Sportverein) , Kickers Offenbach, FC 08 Homburg und der SV Waldhof folgen unter ferner liefen. 

Apokalypse im Niemandsland wäre die treffendere Bezeichnung für diese Liga bei diesem Tabellenstand gewesen. Trotz geballter Fußballtradition.

Mit der SG Sonnenhof Großaspach wollen wir uns hier auch nicht weiter befassen, wird schlimm genug, wenn dieses Produkt demnächst die Drittliga-Tabelle penetrieren wird oder nur vielleicht soweit, dass dieser Verein sich Mitte der 70iger Jahre aus einer Thekenmannschaft entwickelte und schnelle Erfolge ohne Tradition wie andernorts auch sich mit viel Kohle erkaufen lassen – man muss nur penetrant dranbleiben und Kohle ohne Ende generieren können.

Der Spieler Adamowski, um den es in diesem kleinen Bericht ebenfalls geht hat übrigens niemals für die SG Sonnenhof – Großaspach gespielt – genau genommen hat es den Spieler Adamowski überhaupt nicht gegeben – und trotzdem hat er gespielt : exakt einmal in der Saison 49/50 für Racing Strassbourg und jener Adamowski, den es eigentlich niemals gab, ist ein erstklassiges Beispiel dafür, wie Fußballspieler versuchten, etwas extra zu verdienen, als es noch keine Hopps und Matteschitze gab – die mit Kunstprodukten den Fußballsport endgültig zum Monopoly degradierten.

Bei unserem Adamowski handelte es sich tatsächlich um den Fußballer Rudolf de la Vigne, der nach dem Krieg aus kanadischer Kriegsgefangenschaft entlassen gleich mit 4 anderen Kameraden, die gemeinsam im kanadischen Kriegscamp gekickt hatten, beim VfR Mannheim unter Vertrag stand – um im Süd-Westen zu bleiben.

Dieser VfR Mannheim schrieb in der Saison 48/49 durch den Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft Geschichte – als man zunächst im Viertelfinale im Frankfurter Waldstadion den Hamburger SV mit 5-0 vom Feld fegte. Adamowski äh – de la Vigne natürlich – hatte den Torreigen eröffnet. Das Halbfinale gewannen die Mannheimer gegen die damals favorisierten Offenbacher Kickers in der Gelsenkirchener Glückauf Kampfbahn ebenfalls und besiegten im Finale im Stuttgarter Neckarstadion dann Borussia Dortmund mit 3-2 nach Verlängerung – das ganze übrigens vor 92.000 Zuschauern und zu diesen Zeiten konnte der „Stadion-Fußball“ zuschauermäßig im Vergleich mühelos mit dem späteren „Arena-Fußball“ mithalten. 

Aus Mannheim waren an diesem Tag 25 Sonderzüge, unzählige Busse und LKW und PKW unterwegs, um allein die Mannheimer Anhängerschaft nach Stuttgart und zurück zu bringen.

Reichtümer gabs damals nicht zu gewinnen und Vertragsspieler durften seinerzeit nicht mehr als 320,– DM brutto verdienen – und so war es in Mode gekommen, sich hier oder da schon mal als Gastspieler bei einem anderen Klub zu verdingen – und etwas nebenbei zu kicken und zu verdienen. Wildspielen nannte man sowas beim Verband und wer aufflog musste mit Strafen wie etwa viewöchigen Sperren oder ähnlichem rechnen und je bekannter man war, desto schwieriger wurde es mit der Wildspielerei, sollte sie denn unentdeckt bleiben.

Das Angebot kam dann auch für Rudolf de la Vigne und zwar aus Frankreich – von Racing Strassbourg, die sich für den Freundschaftskick im Strassburger Mainaustadion gegen Lokomotive Zagreb verstärken wollten – und damit die heisse Kiste „undercover“ blieb, verwandelte Rudolf de la Vigne sich kurzerhand in den Tschechen Adamowski.

Und – der Tescheche Adamowski schlug ein an diesem Tag, aber er muss frappierend an den Deutschen de la Vigne erinnert haben , jedenfalls bekam der Verband Wind von der Sache und de la Vigne wurde für einige Wochen gesperrt und überdies mit einer Geldstrafe von 20 DM belegt, eine empfindliche Strafe in der damaligen Zeit.

De la Vignes Klub, der VfR Mannheim liess seinen Star aber nicht hängen – sondern man besorgte ihm neben einem Kleinkredit auch gleich noch einen Tabak – Lotto und Toto Laden in bester Mannheimer Innenstadtlage und somit brauchte Mannheims Star auch nicht mehr wild zu spielen und getarnt als Adamowski rumzureisen.

Solche Stories wurden im Fußball früher am laufenden Band produziert – heute nicht mehr. 

Weil sich mehr und mehr Selbstdarsteller in und um diesen Sport positionieren – und dieser nicht nur deshalb mehr und mehr zu einer globalisierten Bühne für effekthaschendes Eventpublikum verkommt.

Du wirst auch kaum noch einen Ex-Profi an der Ladentheke eines Lotto und Toto Geschäftes finden, vielleicht auch deswegen, weil 6 aus 49 bzw. Fußballtoto schon lange out ist und man heute bequem online bei GET AND WIN oder anderen virtuellen Zockdiensten spielt. 

Aber – ab und zu werd ich mal wieder so ein Histörchen rauskramen, aus alten Zeiten und an vergessene Fußballsterne erinnern – an die kleinen menschlichen Stärken und Schwächen, die dem Fußball letztlich die Seele geben, die ihn so faszinierend gemacht hat.

Und wenn demnächst die SG Sonnenhof Großaspach kickt geh ich mal zum Zahnarzt. Schlimmer wird’s bei dem auch nicht zugehen.