Fußballromantik ?

Fußballromantik – November 2013

… ein Begriff, an den Du unwillkürlich denkst, wenn Du an diesem scheißkalten November Tag die Zweite Mannschaft der Fortuna im Paul Janes Stadion gegen Wattenscheid 09 siehst – obwohl, wenn Du Dich erinnerst, an die Tage, als Wattenscheid und Fortuna für einige Jahre die Klingen in der Bundeliga kreutzten – das war nicht romantisch. Überhaupt nicht. 

Ohne Klamotten-Steilmann wäre der Klub noch nichtmal in der 2. Bundeliga gelandet und im Wattenscheider Lohrheidestadion im Schatten der Zeche Holland hätte höchstens der 100 Meter Lauf der schnellsten Bochumer Leichtathleten stattgefunden, die vielleicht dorthin ausgewichen wären, weil Fußball in Bochum an der Castroper Strasse beim VfL gespielt wurde – und eben seit Textil-Steilmann auch im ungeliebt eingemeindeten Stadtteil aus Wattenscheid – dummerweise recht erfolgreich.

Ähnlich wie Fortunas Namensvetter aus der Domstadt übrigens, zwei Klubs, die auswärts nie was zogen und im Kohlenpott durch Klaus Steilmann und am Dom durch Schäng Löring überhaupt am kacken gehalten wurden. 

Seitdem der Fußballteufel aber Hoffenheim, RB Leipzig und noch ein paar andere Mißgeburten kreiert hat, sind auch Wattenscheid und Fortuna K*** Kult. Aber romantisch ? 

Ich erzähl Euch ne Geschichte – die – ich glaub, romantisch ist. Jedenfalls für mich und, folgt mir, wenn ihr wollt – und bei dem was da passiert, vielleicht erkennt Ihr Euch selber irgendwie wieder – in ähnlicher oder vergleichbarer Situation. 

Die Reise führt uns nicht weit weg vom Flinger Broich, wenige Kilometer nur – nach Hilden, an die Hoffeldstrasse, dorthin, wo ich aufgewachsen bin und bei meinem Heimatklub VfB Hilden 03 erst die regionale Fußballwelt entdeckte, ehe es richtig mit Fortuna Düsseldorf durch Deutschland und Europa ging. 

1977 ist die Fußballwelt noch in Ordnung. 

Fortuna wird in den kommenden Jahren vor ganz großen Erfolgen stehen – und der Hildener Landesligist VfB 03 wird den Aufstieg in die Verbandsliga Niederrhein erreichen und das ist zu dieser Zeit die dritthöchste deutsche Fußball-Klasse. 

Samstags Fortuna, Sonntags VfB – und zwischendurch noch selber spielen – so sieht unsere Wochengestaltung in dieser Zeit aus – naja, fast, aber, bevor ich abschweife – sonntags geht es rund, an der Hildener Hoffeldstrasse – einem engen und unbequemen Geläuf inmitten einer Wohnsiedlung – auf Asche und eng gefassten Zuschauerrängen. 

Der VfB Hilden ist zum Ende der Saison 1976 / 1977 fast anderthalb Jahre lang ungeschlagen und spielt zu Hause oft vor 2 – 3.000 Zuschauern in der Landesliga Niederrhein gegen Traditionsklubs, wie etwa den Rheydter Spielverein, den VfL Benrath, TuRu 80 – den DSC 99 , Ratingen 04/19, Preussen Krefeld oder Union Krefeld und muss mitunter bis zur deutsch – niederländischen Grenze reisen – um zum Beispiel bei SuS Schaag anzutreten, um einige illustre Namen aus dieser Zeit zu nennen. 

Am vorletzten Spieltag dieser Saison ist der VfB dementsprechend Tabellenführer und trifft bei 2 ausstehenden Heimspielen noch auf den BV 04 Düsseldorf, den hartnäckigsten Verfolger der Mannschaft und eine Woche später auf den abgeschlagenen Tabellenletzten – Union Krefeld und hat es in der Hand, durch einen Sieg gegen den BV den Aufstieg klar zu machen. 

Ich bin einer von knapp 3000 Zuschauern an diesem Sonntag nachmittag an der Hildener Hoffeldstrasse und fiebere dem Spiel meiner Helden zu dieser Zeit entgegen. 

Der BV 04 wird mit Kollmann im Tor – Dietz, Dowidat, Hoster, Dasbach, Grunewald , Rath Lefuel, Helmreich, Winkels und Petrie eine wesentlich jüngere, aber äußerst erfahrene Mannschaft aufstellen und der VfB Hilden startet leicht favorisiert mit Klose im Tor, Kriegler, Huth, Kraft, Seegler, Dupke, Köhnen, Arend, dem Ex Bver Suckel, Gemein und Sohni Nietz. 

Und aus dem Spiel wird fast ein Albtraum für den vermeintlichen Favoriten aus Hilden, der zwar zunächst mit 1-0 in Führung geht, aber sich gleich 3 Tore von BV Mittelstürmer Peter Rath einfängt und trotzdem kommt es in der 88. Minute zum kollektiven Freudenausbruch der Fans an der Hoffeldstrasse, weil es ausgerechnet der Ex BVer Suckel ist, der den insgesamt verdienten Ausgleichtreffer für Hilden markiert und somit den BV auf Distanz hält. 

Im darauffolgenden Heimspiel gegen den Tabellenletzten Union Krefeld reicht dem VfB ein Pünktchen um den Aufstieg in die Verbandsliga Niederrhein klar zu machen und diese Aufgabe wird der VfB ganz souverän mit einem 8-0 oder 8-1 Sieg – so genau weiß ich das nicht mehr – meistern. 

Dass die VfB Mannschaft nach anderthalb Spielzeiten zwar erfolgreich aber überaltert ist, will in diesem Augenblick niemand sehen und die Mannschaft wird nach nur einem Jahr Drittklassigkeit wieder in die Landesliga zurückkehren, trotz einem beachtlichen Heimsieg gegen den amtierenden deutschen Amateurmeister Fortuna Düsseldorf (Amat) – weil man insgesamt gegen Gegner wie Rot-Weiß Oberhausen, den VfR Neuss, den VfB Bottrop oder Sterkrade 06/07 einfach nicht mehr mithalten kann. 

Trotzdem werde ich an dieses denkwürdige Spiel gegen den BV 04 lange und oft denken und – 30 Jahre später – im Frühjahr 2007 noch einmal ganz besonders. 

Im Mai 2007 geht mein Sohn Francis in Hilden zur Heiligen Kommunion und rein zufällig sitze ich in der Kirche neben Manfred (Sohni) Nietz, dem Linksaußen der damaligen Meistermannschaft, dessen Enkel ebenfalls zur Kommunion geht und wir kennen uns immer noch gut, aus gemeinsamen alten Tagen, weil ich nicht nur Fan, sondern ebenfalls Spieler beim VfB Hilden war. 

Während vorne der Pastor die Zeremonie leitet, die Kinder mit den Kerzen durch die Kirche spazieren, Onkels, Tanten und Großeltern die Kameras surren lassen und die Mütter versteckte Tränen in geblümte Taschentücher schluchzen, ist der Augenblick gekommen – als Sohni mich anstupst und flüstert, weisst Du noch, vor 30 Jahren ? 

Ja klar, Aufstieg Verbandsliga, 3-3 gegen den BV … und und und – Sohni nickt grinsend. 

Vorn läuft grad das Vater Unser und kurz danach wird die versammelte Gemeinde irgendwas von Seite 334, Absatz 5 aus den ausliegenden Gesangsbüchern singen – und, weil sich um uns niemand groß kümmert, ist die Gelegenheit günstig, was zu erzählen, aus alten Tagen. 

Sohni erzählt mir, dass er dieses Spiel von vor 30 Jahren gegen den BV 04 noch einmal aufleben lassen will. Ich horche genau hin – der Rest im Saal singt grad Seite 428 – Absatz 17. 

Wir werden fast auf den Tag – 30 Jahre später mit fast identischen Mannschaften wieder aufeinander treffen – wir werden wieder an der Hoffeldstrasse spielen, erzählt Sohni mir – während vorne die Hostien verteilt werden und die ersten Kommunionskerzen angezündet werden – fall ich fast in Ohnmacht – als Sohni zu mir sagt : und Du warst damals dabei und ich will, dass Du für uns an diesem Tag spielst. Ich glaub fast zu träumen. Wie viele von uns allen hier hab ich in meinem Fortuna – Leben ganz viel erlebt – aber das, was ich da grad hör, glaub ich nicht.

Es wird grad Seite 389 Ziffer 4 Seite 6 Absatz 23 gesungen – glaub ich. Sicher weiss ich es nicht. 

Ich weiss nur, ich werde mit dieser Mannschaft, den Helden meiner Jugend auflaufen dürfen – 30 Jahre nach dem legendären Spiel gegen den BV 04 Düsseldorf. 

Der grosse Tag kommt schneller als ich denke und der BV wird mit allen Stars aus diesen Tagen an der Hildener Hoffeldstrasse aufkreutzen und auch die Stars des VfB Hilden sind fast komplett – lediglich im Tor wird für den VfB Hilden Volker Mai stehen, der damals etatmäßige Keeper des VfB wurde im Aufstiegsjahr durch Horst Klose abgelöst, der von TuRa Büderich zu uns gewechselt war. 

Die VfB Mannschaft, im Schnitt fast 10 Jahre älter als die BV 04 Mannschaft wird an diesem Tag, anders als beim 3-3 in dem legendären Meisterschaftspiel keine Chance gegen den BV 04 haben, aber das Ergebnis interessiert niemanden an diesem Tag im Frühjahr 2007. 

Es ist die Freude über das Wiedersehen der damaligen Spieler beider Mannschaften, die sich mit höchstem Respekt begegnen und nach dem Spiel noch lange miteinander fachsimpeln und ich bin einer aus dieser Mannschaft – einer, der vor 30 Jahren einer von knapp 3.000 war – an diesem Tag. 

Mehr kann der Fußballgott mir kaum geben – bei allem Schönen und Traurigen, was ich rund um Fortuna Düssseldorf und auch dem VfB Hilden erlebt habe – weil ich, glaube ich, allerspätestens an dem Tag kapiert habe, was Fußballromatik ist. 

Und weil Romantik ihren Preis hat, flüsterte mir der liebe Fußballgott damals : Für das, was Du da erleben durftest, wirst Du eines Tages nach Hoffenheim fahren müssen und nach RB Leipzig. 

Damit Du das nicht vergisst ! 

Ich habs nicht vergessen, lieber Fußballgott. Und manchmal denk ich, sogar Wattenscheid 09 und Fortuna Köln sind Fußball Romantik.