Kartoffeln Kohle und Moneten

Kartoffeln, Kohle und Moneten …  Juni 2013

 

Plastikklubs und Tradition … 

Oder : das moderne Finanzalter begann nicht bei Eintracht Braunschweig an der Hamburger Strasse 

. Da scheint sich irgendwie und überall eine tolle Diskussion anzubahnen, zum Beispiel, weil einigen Fussballbonzen ein Licht aufgegangen ist – genauer gesagt kein Licht, sondern eine Lichtung – und zwar im Gästebereich ihrer „Arena“ – und zwar fällt das immer dann auf, wenn Blau-Weiss-Hopp`s mobiler Computer-Service zum Auswärtsspiel auftaucht und im Schlepp ein paar hundert Narren führt, die im Grunde genommen in die Bundesliga gekommen sind, wie die Jungfrau zum Kind – oder – um regional zu bleiben, wie die Kuh, die zum Bullen geschleppt wird, damit sie bald kalben kann. 

Stichwort Bullen : da ist dann gleich die nächste Retorten-Besamungs – Maschine am Start – und man hat sich cleverer Weise eine Region ausgesucht, in der die (Fussball)-Tradition schon seit langem zu gut deutsch am Arsch hängt. 

Leichtes Spiel für jemanden, der sein Geld damit verdient, weil er einen Drink erfunden hat, der noch gewöhnungsdürftiger schmeckt als Hannen – Alt – und um so was zu erfinden muss man schon ordentlich Luft in einem Land geschnuppert haben, das hierzulande von nicht wenigen Leuten oft geringschätzig auch als Schluchtenscheisser Land tituliert wird – womit ich aber keineswegs sagen möchte, dass Geld nicht stinken würde – obs immer schmeckt, was man damit veranstaltet steht dann aber auf einem anderen Blatt. 

Wer sich nun also genauer mit den Retortenklubs befasst – und dazu gehört als erstes, dass man sich mangels Tradition – sprich – erwähnenswerte Histörchen aus der Vergangenheit darum kümmert, wo denn der Bartel den Most her holt – oder andersrum, was denn der Bulle so auszuspuken in der Lage ist und als zweites : wer denn das Kind bei den Traditionsklubs am „kacken“ hält, wie der Rheinländer gern mal sagt und man stellt schnell fest, dass auch die „Traditionsklubs“ nicht von Luft – Liebe und den Eintrittsgeldern ihrer Fans alleine leben, sondern man sieht sehr schnell, dass namhafte Konzerne oder andere potente Geldquellen dafür sorgen, dass man auch ausserhalb der neuen Fussball – Metropolen Hoffenheim und Markranstädt noch ein paar halbwegs taugliche Profikicker zum wöchentlichen Kick in den Bundeliga-Stadien begeistern kann – und noch schneller ist dann das Boot gefunden, in dem Plastik-Klubs, Retortenklubs und „Traditionsklubs sitzen und vermeintlich an einem Strick ziehen – einen Strick übrigens, der die einen weiter bringt – und anderen Klubs, einmal um den Hals gelegt zum kollabieren führt, wie zuletzt die Beispiele in Duisburg, Aachen und Offenbach zeigen. 

Geld verdienen – und mehr noch – Geld ausgeben hat im Profifussball Tradition und ist keineswegs eine teufliche Erfindung eines Herrn Hopp oder eines Herrn Matteschitz weil auch es immer schon Konzerne, Firmen und Investoren gab, die Fussballklubs direkt oder indirekt mit finanziellen Zuwendungen unterstützten und auch, dass alles mit einem gewissen Herrn Mast aus Wolfenbüttel anfing, der Kräuterkleister auf gelbe Eintracht Trikots in Braunschweig kleckerte ist weit hergeholt, sondern taugt allenfalls dazu, festzustellen, dass jemand eine pfiffige Idee hatte, wie man im wahrsten Sinne des Wortes noch mehr Werbung an den Mann bringen konnte, nachdem eh alle Profiklubs und die ambitionierten Amateurvereine längst wussten, wie Bandenwerbung und die Vermarktung der Vereins – oder Stadionzeitung durch Anzeigen zum Beispiel funktionierte. 

Da gab es im goldenen Fussball-Westen einen Kohlenmhändler namens Goldbach, der später umsattelte und goldigerweise mit seinen Goldin-Tankstellen soviel Kohle machte, dass man eine Weile  am Schloss Strünkede , dort wo Westfalia Herne zu Hause ist, ganz gut leben konnte, ehe eine Betriebsprüfung des dortigen Finanzsamtes Steuerhinterziehung und andere Schmutzigkeiten zu Tage brachte und das kleine Glück über Westfalia „Goldin“ Herne – so nannte sich der Klub in den 70igern nämlich und gezwungenermaßen schnell wieder erloschen war. 

 

Ähnlich machte man es beim SV Waldhof – wo man vielleicht genau so gern oder ungern wie anderswo (Chio)  Kartoffelchips verspeiste – dafür aber Erdäpfel in bar auf den Tisch gelegt bekam – und – ums fester zu zurren ebenfalls vorüber gehend den Klubnamen in SV Chio 07 Waldhof änderte – nicht etwa, weil „Chio“ sich toll italienisch anhörte sondern, weil dafür Kohle auf den Tisch kam. 

Kohle und Kartoffeln war während und nach dem Krieg überhaupt die Währung im „goldenen“ Fussballwesten, ehe später das Geld aus Aktienfonds, übel riechenden Getränkedosen oder Anwender Programmen generiert wurde. 

Fussballklus mit Rang und Namen fuhren nach dem Krieg, als es wenig zu beissen und kaum was zum kacken gab aufs Land, für einen oder 2 Säcke Kartoffeln und so behielt man die Spieler im Futter und unter Vertrag und bei Laune  – und – um zur Kohle zurück zu kommen – die floss nicht nur Bar. 

In den 40igern war im Pott neben Schalke, Dortmund und Essen oder dem SV Sodingen (um einige Klubs zu nennen) auch eine Fussballmannschaft aus Erkenschwick in aller Munde, weil die Stimberg-Mannschaft nicht nur den sogenannten Himmelsturm aufbieten konnte – sondern diese Mannschaft trotz des Krieges, als vielerorts gar nicht gespielt werden konnte zusammen gehalten wurde, weil nämlich diese Spieler auf der Zeche Ewald arbeiteten und weil der Bergbau kriegswichtige Bedeutung hatte, waren diese Spieler unabkömmlich. 

In einer Zeit also, in der man zwar längst nicht alles kaufen, aber vieles finanzieren konnte  drehte sich rund um den Fussball vor allem eines – nämlich Geld – und zu dieser Zeit ging die heut so oft angesprochene 50+ 1 Regel „allen im Verein“ am Arsch vorbei, weil stets derjenige, der mit dem Geldkoffer zur Jahreshauptversammlung in rauchgeschwängerten Versammlungssälen antrat die Mehrheit automatisch hatte. 

Ein Erhard Goldbach hätte sich sehr wahrscheinlich über die Legitimationsversuche der 50+1 Sache eines Herrn Kind oder die peinlichen traditions-beiseite-wisch Platitüden eines Herrn Hopp wahrscheinlich vor Lachen in die Hose gemacht.  

Die Änderung von des Vereinsnamen gab es übrigens und vorübergehend nicht nur in Herne und in Waldhof sondern auch auf Schalke, wo der Verein für eine Zeit unter dem Namen FC Meineid firmieren musste – aber nicht, weils dafür Geld gab, sondern weil man, wenns ums bescheissen im Sport ging, oft und gern mittemang dabei war – ich drück das mal so aus, weil man es früher an den Theken an Rhein und Ruhr auch nicht anders gesagt hatte. 

Der erste, der baden ging war der Schalker (Finanz ?) Obmann Willi Nier, der sich im Rhein Herne Kanal, so glaube, ich das Leben nahm, als raus kam, das die Spieler des FC Schalke 04 nicht für Nüsse sondern für Kohle spielten, Nöte, in die ein Herr Hopp oder ein Herr Mattschitz sicher nicht kommen werden und besagter Herr Goldbach, der es schon mit der Steuererklärung nicht so genau genommen hatte, sich kaum dafür in diesem Zusammenhang interessiert hätte und selbst Herr Mast hätte sich deshalb höchstens einen Kräuterkleister gekippt  und wär zum Tagesgeschäft über gegangen. 

Einem anderen Verein, nämlich Bayer 04 Leverkusen wird – eigentlich zu Unrecht – auch die Tradition abgesprochen. Dabei mischen die Werksfussballer schon seit langem im bezahlten Fussball mit, wenn auch niemals so schillernd wie andere – und, weil es auch in Leverkusen wie anderswo auch stets um Kohle ging, musste da eben die Chemie stimmen und der Verein machte das öffentlich, was andere Klubs nicht an die große Glocke hängen wollte – er hatte seine Fussballer „beim“ Bayer unter Vertrag und schickte eben eine Werkself ins Rennen und weil man sich ansonsten an die Lizenzspieler Statuten hielt juckte das auch keinen weiter, auch nicht, dass dem Vernehmen nach und um das alte Haberlandstadion wenigstens halbwegs voll zu kriegen, Samstags stets die Freischicht zum zuschauen dort hin abkommandiert wurde. 

Auch Neid gab es immer schon im Fussball. So soll der eine oder andere Spieler zwar offiziell bei z.B. einer Zeche oder einer Stahlhütte unter Vertrag gestanden haben, brauchte aber dafür nicht mit Hacke und Schaufel ganz vorne an der Pumpe stehen – und so lange seine Leitung auf dem Platz okay war, wars auch für die malochenden Kumpels normal. 

Mit dem Meineid Skandal änderte sich vieles. Die Zuschauerzahlen in der Bundesliga sanken und die Profis auf dem Platz wurden genauer beäugt, ob sie für ihre – zum damaligen Zeitpunkt – fürstlichen Honorare auch Leistung liefern würden. 

Es soll einen Trainer gegeben haben, der seine komplette Mannschaft mal nach einem verkorksten Spiel mit offen zur Schau gestellter Leistungsverweigerung mal Montags Morgens um 6 im Dauerlauf an einer Kohlenzeche vorbei geschickt hatte, damit die Arbeiter sehen, dass die Spieler arbeiten und die Spieler, dass die Arbeiter auch für ihr Eintritts-Geld arbeiten. 

Nicht vergessen darf man im Zusammenhang der Selfmade Klubmacher noch zwei weitere Herren aus dem Fußball – Westen, Klaus Steilmann und Jean Löhring. Wenn heute manche Old-Schooler – zu denen ich auch gehöre – noch verklärt über deren Klubs SG Wattenscheid 09 und den SC Fortuna Köln reden dreht sich mir fast der Magen um. Das Kölner Südstadion war stets ein Ort allergrößter Langeweile und hatte gar nix zu bieten und höchstens der alte Förderturm der Zeche Holland sorgte noch für etwas Charme im Wattenscheider Stadion Lohrheide. Auswärts waren diese beiden Klubs damals höchst ungern gesehen Gäste, mit mauem Anhang, ähnlich wie heute Hoppenheim, allerdings sollte man beiden Klubs wenigstens attestieren, dass deren Präsidenten Fussballverückte im positiven Sinne waren und deren Anhaänger zumeist auch echte Fussball Fans – was sie wiederum von deren heutigen Nachfolgern aus Leipzig und Hoffenheim unterscheidet. 

Wenn man sich also abschliessend mal vor Augen führt, wie Kohle, Zaster und Moneten schon längst vor Hopp und Matteschitz den Fussball regiert hat, wie eine 50+ 1 Regelung lange in Grund und Boden gestampft wurde, bevor sie überhaupt durch findige Funktionäre und Finanzjongleure erst in die Diskussion gebracht wurde, stellt man fest, dass sich Hopp und Matteschitz, zumindest wenn es um Geld geht in allerbester Traditions-Gesellschaft befinden. 

Damit allerdings haben sich auch sämtliche belastbaren Gemeinsamkeiten ausgeschöpft. 

Denn egal, ob früher ein Herr Goldbach oder ein Herr Mast, ein Herr Steilmann oder ein Herr Löring und andere dafür sorgten, dass Gelder – und auch nicht zu knapp für die damaligen Verhältnisse in die Kassen der Fussballklubs flossen : eines hätten diese Leute damals nicht getan – nämlich ein eigenes Projekt aus dem Boden zu stampfen, wo keines hingehörte.– und zwar, weil es keinen Nährboden dafür gab. 

Zu Fussballteufeln taugen deshalb die Herren Matteschitz und Hopp auch nur bedingt – der Wurm liegt aus meiner Sicht eher in der heutigen Gesellschaft, wo Menschen ohne nach zu denken dahin rennen, wo sie für ihr Geld Schau und Glamour geboten bekommen, wo unbedingte Treue nur bei denen zählt, die den Fussball aufgrund seiner Historie richtig einordnen können. 

Es sind eben diese leicht beeinfussbaren Clowns, die sich einen Schal ohne Sinn um den Hals hängen, ein Trikot ohne Verstand über die Plautze ziehen und ein Heer von willfährigen Hofberichterstattern, die eine imaginäre 50 + 1 Regel instand setzen und dazu beitragen, dass es für Klubs wie Alemannia Aachen, Kickers Offenbach, den MSV Duisburg, Rot-Weiss Essen, der Wuppertaler SV, der 1. FC Saarbrücken oder Darmstadt 98 – um einige zu nennen immer schwerer wird, zurück in die Ligen zu kehren, wo sie ihren eigentlich angestammten Platz haben – unabhängig von eigenen Management-Fehlern, die all diesen Klubs sicher auch unterlaufen wird. 

Entscheidend sein wird auch nicht, ob irgend wann die Geldquellen aus den Taschen von Hopp oder Matteschitz versiegen, Beispiele in England zeigen deutlich, dass da global noch ein paar ganz andere Player in Lauerstellung sitzen. 

Entscheidend wird sein, ob die gesamte „Fussballgesellschaft“ irgendwann ihre ureigenen Grundwerte wieder entdeckt, die im wesentlichen aus Treue, Hingabe und Loyalität zu ihren jeweiligen Vereinen besteht. 

Und messbar wird dies noch an einem ganz anderen Faktor sein, wenn nämlich die Zuschauerzahlen in den Top-Ligen wieder auf ein überschaubareres Niveau zurück kommen und gleichzeitig die Zuschauerzahlen auch bei ambitionierten Ober – und Landesligisten steigen werden. 

Erst dann wird der völlig versaubeutelte Spruch „Football is coming home“ einen wirklichen Sinn machen.