Schalker Markt

November 2008

Ein nasskalter Novembertag, mitten in der Woche in 2008, der Tag, bevor Charly Neumann beerdigt wurde :

An diesem nasskalten Herbsttag, irgendwann im November 2008, meine ich, hatte ich mir ein NRW – Ticket gekauft und geplant, mir einige Fußballschätzchen im Kohlenpott anzusehen.

Den Stimberg in Erkenschwick, wo nach dem Krieg (?) Leute wie Jule Ludorf den Gegner das Fürchten lehrten hatte ich auf dem Programm, das Stadion am Schloss Strünkede von Westfalia Herne, wo seinerzeit der Benzinmillionär Goldbach das ganz große Ding drehen wollte, am Stadion Niederrhein von RWO wollte ich vorbei, da, wo RWO mal in einem Bundesliga Spiel den großen HSV mit 8-1 weggefegt hatte, auch.

Und weil ich mich nicht entscheiden konnte, landete ich am Schalker Markt, nachdem ich kurz zuvor noch einen Steinwurf weg auf der Glückaufkampfbahn war, da, wo Schalke groß geworden ist.

 

Naja, die Kneipen am Schalker Markt waren an diesem nasskalten Nachmittag trotz einem Wochentag gut besucht und Thema war Schalke. Am nächsten Tag würde Charly Neumann beerdigt und hier und da floss eine stille Träne , aber – die wurde gleich mit einer Runde Korn weggespült, damit noch Platz für mehr Tränen um Charly Neumann war.

Als Fremder fällst Du da auf – und angesprochen, wo ich den herkäme gab ichs auch sofort zu – aus Düsseldorf und dass mein Herz für Fortuna schlägt.

Sowas erzählst Du auf Schalke besser nicht, jedenfalls nicht an einem nasskalten Wochentag im Herbst und schon gar nicht, wenn am nächsten Tag Charly Neumann beerdigt wird.

Jedenfalls kam da alles aufs Tablett – also – neben den Korn- und Bierrunden, alles, was in den letzten 80 Jahren in irgendeiner Form dazu taugte, eine Verbindung zwischen Fortuna und Schalke herzustellen – und da gab es ja nicht nur das Finale 1933.

Auch jener Freitag Abend, im Oktober 82 im Parkstadion, das ja auch schon Geschichte ist. Da lag Fortuna nach 15 Minute schon durch Tore von Bernhard Dietz und Uli Bittcher mit 0-2 zurück und dann durch ein Eigentor von Amand Theis sogar mit 1-3 und trotzdem kam Fortuna durch Rudi Bommer und in fast letzter Minute durch Atli Edvaldsson noch zum 3-3 Ausgleich und Endstand und am nächsten Tag wurde Fortunas Trainer Jörg Berger entlassen.

Auch ein Anekdötchen wert war das Auftaktspiel der neuen Saison 1988, ein brütend heißer Julitag bei fast 40 Grad, kein Wölkchen am Himmel und der Düsseldorfer Mob kreuzte komplett mit Regenschirmen ausgestattet im Parkstadion auf – und über die weitere Verwendung der Schirme wurde ja später auch ausgiebig berichtet, jedenfalls da, wo man lieber von Krawallen und Kloppereien schrieb, als über Fußball, der wurde nebenbei auch gespielt und es endete damals mit 1-1 vor 26.000 Zuschauern, die zwischenzeitliche Düsseldorfer Führung hatte übrigens ein gewisser Michael Preetz besorgt. Ich hab den Mann gar nicht mehr recht auf dem Schirm, ich glaub aber, der spielte vor kurzem in irgend einer Doku-Soap eine tragende Rolle – da gings glaub ich um Todesangst oder so was.

Den Zug nach Erkenschwick oder Herne hatte ich längst verpasst, den nach Oberhausen auch.

Und – es kam immer doller , in der Kneipe am Schalker Markt, an einem Wochentag, nasskalt im Herbst – so kurz vor 3 Uhr nachmittags lagen sich alle in den Armen und es tönte das Schalker Lied – Blau und Weiß wie lieb ich Dich …. Zwischendurch gabs wieder ne Runde auf Charly Neumann und irgendwie hatte ich auch das NRW – Ticket verloren, die hätten mich da auch nicht weggelassen, aus dem Blau-Rot-Weissen Kaffekränzchen.

Jetzt kam das Thema aufs Geld, schwierige Sache, da gibt’s ja schon unter den besten Freunden schon mal Stress wegen – und auf Schalke hat man ja schon eine Tradition, wenns darum geht, andere zu bescheissen, aber – man hat auch Anstand.

Da gabs den Schalker Kassierer, der sich irgendwann in den 30igern meine ich, in der Emscher ertränkt hatte, weil herausgekommen war, dass Schalke Spielergehälter in nicht korrekter Form zahlte, oder so ähnlich – und nicht zu vergessen, die glorreichen 70iger, als aus Schalke kurzerhand der FC Meineid wurde – naja, in Düsseldorf, stets korrekte Beamtenstadt, kennen wir sowas natürlich nicht – oder doch ?

Die angegebenen 50.000 Zuschauer aus dem Pokal-Rückspiel im DFB Pokal am 26. Dezember, also dem 2. Weihnachtstag (für Eventies) 1977 zwischen Fortuna und Schalke im Rheinstadion dürften nämlich glatt untertrieben sein, unabsichtlich versteht sich.

6 Tage zuvor hatte Fortuna im Parkstadion das Pokalspiel mit 1-1 beendet und der DFB hatte das Rück- oder Wiederholungsspiel auf den 2. Weihnachtstag terminiert, da kommt man natürlich nicht drauf, 70.000 Eintrittskarten zu drucken, wozu auch, wenn die ganze Familie am Weihnachtsbaum sitzt. Das Spiel gewann Fortuna übrigens mit 1-0 und sorgte damit für ein weiteres Weihnachtsgeschenk für ihre Fans.

Irgendeiner schmiss wieder ne Lage auf Charly Neumann – und irgendwie dachte ich mir, der müsste öfter sterben, der gute Charly – das sah verdächtig nach Rekordumsatz aus, in der Kneipe am Schalker Markt.

Nun ist Charly Neumann schon ein paar Jahre tot und inzwischen werden sie am Schalker Markt auf jemand anderen trinken, aber – der Nachmittag hatte es in sich, an diesem nasskalten Wochentag im Herbst 2008, an dem Tag, bevor Charly Neumann beerdigt wurde.