Stadion Betzenberg

Hasst uns doch ein kleines bisschen …
(11.12.2013)

… jaja, die gute alte Zeit, als Fußball noch Fußball war – manchmal kann ich das selber nicht mehr hören, aber vorgestern war es wieder so weit.

 

Erinnerungen wurden wach, an den Betzenberg aus den 80iger Jahren, mit Lautern und Fortuna in der Bundesliga.

An eine Zeit, in der Auswärtstouren, egal wohin, Abenteuer mit unvorhersehbarem Ausgang waren – also – ich mein jetzt nicht den unvorhersehbaren Ausgang „auffem Platz“, sondern darum, davor oder danach.

Kaiserslautern war immer ein garantierter Kurort für Leute mit zu niedrigem Adrenalinspiegel und das Prozedere am Betzenberg war immer das gleiche : als erstes sorgten die roten Teufel mal durch eine Menge Schauspielerei gemischt mit lamentieren und reklamieren dafür, dass das Heimpublikum richtig aufgeheizt war und der Betzenberg vor Wut kochte.

Das Image des Regioten war kurz zuvor entstanden und musste gepflegt werden. Dringend und regelmäßig.

Oft hatte ich den Eindruck, das braucht der Pfälzer, der sich, aus welchem Grund auch immer, irgendwie nach außen als den benachteiligten Pfälzer darstellt – ohne Grund, wie ich finde – in einer schönen Landschaft mit leckeren Speisen und Getränken, aber – wenn Du da durch das Land fährst und dann die Orte Waldeierheim oder Oberdödelheim heißen, dann weißt Du, da ist was faul, in der Region.

In den frühen 80igern waren Besuche auf dem Betzenberg immer so eine Sache. Da spaziertest Du nicht fett und frech im Fortuna Trikot durch die Stadt oder vom Hbf die paar Schritte auf den Betzenberg hoch – jedenfalls nicht, wenn Du nicht die richtigen Leute mit Dir hattest.

Nachdem wir da mal wieder verloren hatten, kam auch ich nach dem Spiel in den Genuss des erhöhten Adrenalinspiegels – weil ich auf dem Weg aus dem Stadion raus meine Leute verloren hatte und irrtümlich irgend eine Seitenstraße zu früh oder zu spät abgebogen war und lief einer Meute von 10 oder 15 Mann oder mehr, so genau weiß ich das nicht mehr, direkt in die Arme – ich war leicht zu erkennen am Sprit-Jets Trikot aus den 80igern – und an der Mundart sowieso – und ich merkte, ich war in dieser Gegend nicht willkommen, nicht ein kleines bisschen.

Jedenfalls, die Hatz ging los – und ich musste (wie man bei Bundeswehr und Polizei ) so schön sagt – ich musste „ausweichen“. Besser gesagt, ich musste verduften – und zwar im Laufschritt und zwar schnell.

Zu der Zeit spielte ich selber noch aktiv Fußball und hatte den angetrunkenen Mob schnell abgeschüttelt und sogar noch Zeit, kurz den bestimmten Finger in die richtige Richtung, garniert mit ein paar rheinischen Schimpfworten übelster Fäkalität, zu zeigen.

Als ich kurz in irgendeinem Hinterhof verschnaufte und keine Ahnung hatte, wo unser Bus denn sein könnte, kam eine alte Frau aus dem Haus und grinste : „ei — isch auffem Betze wieder Krieg ?“ und so schnell wie sie draußen war, war sie wieder drinnen und genau so schnell wieder draußen – mit einem Pullover – selbstgestrickt – so was Detlev-mäßiges … naja, ich streifte ihn über, war äussrlich also zivil, bedankte mich artig und fand zufällig nach ein paar Minuten den Bus. 

Die Besatzung war noch nicht komplett, scheinbar hatten zwei oder drei Kumpels ein ähnliches Problem wie ich gehabt und weil Zeit war und der Düsseldorfer sich schon mal gar nix schenken lässt, ging ich zurück zu der alten Frau und gab den Detlev-kratz-und-schlechtsitz-Pullover zurück – und bedankte mich noch mal artig.

Nur um auf dem Weg zum Bus den gleichen Vögeln wieder in die Arme zu laufen.

Die waren immer noch außer Atem, ausweichen war trotzdem nicht mehr, sonst wäre der Bus weg gewesen und Smartphone hatte zu dieser Zeit nur James Bond also: zwei Haken – links antäuschen, rechts vorbei und ein paar Minuten später war ich wieder am Bus. 

So lief das damals auf dem Betzenberg. 

Die Fahrt werde ich aber aus einem anderen Grund nicht vergessen, weil bei uns im Gästeblock direkt neben mir Lutz Eigendorf stand.

Lutz war zuvor von Kaiserslautern nach Braunschweig gewechselt und spielte an dem Tag, ich glaub verletzungsbedingt nicht und hatte einen Abstecher in die Pfalz gemacht und sich ausgerechnet in den Gästeblock gestellt und sogar ein wenig Zeit zum Plaudern gefunden.

Ich wusste zu der Zeit nicht viel mehr über ihn, außer, das er neben Pahl, Nachtweih und Jörg Berger einer der prominenten DDR – Fußball Republikflüchtlinge war und ich wusste schon gar nicht, dass die Stasi sich sehr für diese Leute interessierte – wie auch immer man das auslegen mag – jedenfalls war Lutz Eigendorf eine Weile später tot.

Tödlich in seinem Auto verunglückt – in Braunschweig – unweit der Kaserne, in der ich früher Dienst getan hatte, nach einem kurzen Kneipenbesuch in einer Gaststätte, in der wir auch hin und wieder mal mit den Kameraden nach Dienstende ein Bier oder zwei – oder manchmal auch drei oder so tranken.

Es gibt bis heute Gerüchte, das man Eigendorf damals umgebracht hatte. Angeblich hatte man ihm etwas in den Drink gemischt, was seine Reaktion schwer beeinträchtigte und da man seine Fahrtroute kannte – hatte man sich an einer unübersichtlichen Kurve postiert und Eigendorf geblendet, der darauf hin vor einem Baum knallte und so sein Leben verlor. 

Tatsächlich bewiesen wurde das allerdings nie. 

Fakt ist allerdings, dass es von den, für derartige Fälle zuständigen “DDR-Behörden“ – ums mal so zu nennen – penibelste Aufzeichnungen gibt, wie und wohin Eigendorf sich bewegt hat und Fakt ist auch, dass es Überlegungen gab, sich missliebiger Personen zu entledigen, wenn andere Mittel nicht gefruchtet hatten, solche Leute „wieder auf Kurs“ zu bringen. 

Und ich glaube, es war auch bei diesem Spiel, wo wir mit diesem Schutzpolizisten, der scheinbar kurz vor der Pensionierung stand, in der ersten Halbzeit vor der Gästekurve ordentlich einen kübelten – dem Mann schien das wurscht zu sein und der gab sogar einen aus – oder zwei – und wir ihm auch, einen oder zwei – oder drei …

Gestern, als ich nach langen Jahren wieder mal an den Betzenberg zurückkehrte, war das alles anders. 
Vollgepackt mit diesen Erinnerungen an früher, hatte ich mein Old-School Sprit-Jets Trikot von 1982 angezogen, weiß – mit roten Streifen – auf der Brust das Fortuna Emblem umrahmt in schwarzen Lettern „in ewiger Treue – Sprit-Jets Hilden“ – auf dem Rücken : FORTUNA FAN-CLUB SPRIT JETS HILDEN – dick und fett drauf.

Und das musste gezeigt werden: in einem Restaurant, unweit des Hauptbahnhofes, wo auch ein paar Regioten speisten – gefasst auf ein kleines (verbales) Scharmützel – nur, es kam nix – statt dessen bewundernde Blicke von Leuten in Eventie Shirts, die Höchststrafe für einen Old Schooler sozusagen.

Die zwei Pfälzer am Tisch erzählten gleich: egal wer gewinnt, der bessere soll gewinnen und Hauptsache ein schönes Spiel.

Der Biss aus der Pizza Tonno wär mir fast im Hals steckengeblieben.

Wir haben schon länger keine schönen Spiele mehr gesehen, ihr Flachpfeifen und uns ist auch egal, wer da gewinnt, solange wir das sind …. Dachte ich mir —- und log denen ohne rot zu werden ins Gesicht – ja, Hauptsache ein schönes Spiel.

Der Weg vom Hbf rauf zum hell erleuchteten Betzeberg über die Treppengasse – die Fans gemischt – alle ruhig nett und freundlich und später gings genau so auch zurück – hatte schon fast was romantisches und beinahe hätte ich auch noch o sole mio gepfiffen – zog es aber vor, meiner Begleitung Heidi wieder die Old School Geschichten aufzutischen – zum wievielten mal eigentlich.

Und dann gewinnst Du da – aus Heimsicht total unverdient – und kein Schwein regt sich auf. Die einst so gefürchtete Westkurve – nach dem Spiel, fast im Blitzverfahren leer – unfassbar. 

Die Treppengasse wieder runter, Richtung Hbf – alles friedlich nebeneinander her. 
Und da kamen mir wieder die 2 Pfälzer in den Sinn, die zwei aus der Pizzeria vor dem Spiel :

„egal wer gewinnt, der bessere soll gewinnen und Hauptsache ein schönes Spiel“

Ehrlich gesagt, ich will nicht drüber philosophieren, ob der bessere gewonnen hat und auch nicht, obs ein schönes Spiel war – ich hab mich unglaublich gefreut, dass „der Richtige „ gewonnen hat – und, dass alles so entspannt war.

Man wird halt alt – obwohl, so ein kleines bisschen, ein kleines bisschen Hass nur – von wegen dem Adrenalinspiegel … 

Fehlanzeige.

Kam mir bloß noch das Banner in den Sinn, welches an der Rückseite eines Fan-Bus prangte. 

OLD BOYS FOR EVER !

Aus, vorbei – schöne Erinnerungen allenfalls noch …jedenfalls vor 2 Tagen am Betzenberg in Kaiserslautern.

Nachtrag – Herbst 2017 :

Wenn ich derzeit sehe, wie der 1.FC Kaiserslautern sportlich immer weiter abrutscht – dann gebe ich gerne zu, blutet mein Fußball-Herz. Denn egal wie wir uns beharkt hatten, egal wie wir uns bekämpft hatten – OHNE Lautern geht Fußball gar nicht. Da fehlen nicht nur vergilbte Erinnerungen, an Fritz Walter, Ottmar Walter, Werner Kohlmeyer, Horst Eckel Ronny Hellström, Roland Sandberg, Walter Frosch,  unseren ehemaligen Spieler Reiner Geye  , den es zum Betzenberg verschlug, da fehlt nicht nur ein Seppl Pirrung, ein Hans-Peter Briegel – um nur einige zu nennen.

Da fehlt ein große Stadt, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben hat und ich gebe zu, heute schaue ich jede Woche auf die Ergebnisse des 1.FC Kaiserslautern und ich hoffe inständig – bleibt in der Liga – dreht das Dingen. Damit ihr uns wieder hassen könnt. Wenigstens ein kleines bisschen. Denn ohne Euch – liebe Lauterer, ohne Euch wär scheiße. Verdammt scheiße.