Stuttgart Nordbahnhof

Versuchter Mord am Stuttgarter Güterbahnhof  (November 2010)

In der Pressemitteilung der Stuttgarter Polizei am Sonntag, dem 27. Februar 1983 wird mitgeteilt, dass es im Anschluss an das Bundesligaspiel VfB Stuttgart – Fortuna Düsseldorf am Stuttgarter Güterbahnhof zu einem Angriff von mehreren hundert Fans des VfB Stuttgart auf einen planmäßigen INTERCITY der DEUTSCHEN BUNDESBAHN kam. Der Angriff auf diesen Zug, der aus München kam und von Stuttgart Hbf weiter in Richtung Mannheim verkehrt, war offenbar von langer Hand geplant. Die Stuttgarter Polizei sprach in diesem Zusammenhang von etlichen Festnahmen und mehreren schwerverletzten Stuttgarter Fussballfans, die im Rahmen dieser Aktion als Speerspitze genau in die Leuchtraketen und Steinhagel der nachrückenden Stuttgarter Angreifer gerieten. Die Erfindung des friendly Fire sozusagen – können sich die Schwaben tatsächlich auf die Brust schreiben …

Doch – der Reihe nach.

In der Bundesliga Saison 1982/1983 zeichnete sich der bevorstehende Niedergang der Fortuna bereits ab, nur – wahrhaben wollte das am Rhein niemand. Nach den beiden Pokalsiegen 1979 und 1980 sowie der unglücklichen Niederlage im Europa-Cup Finale war zwar rund um Düsseelorf längst der graue Alltag eingekehrt, aber auch wirtschaftlichen Warnzeichen wollte in Düsseldorf niemenad so recht erkennen.

Abstiege in der Bundesliga sind wie Situationen im wirklichen Leben. Da gibt es Totgeburten – Clubs deren Schicksaal von vorne herein feststeht. Wie etwa Tasmania Berlin.

Oder, Frontalcrashes, ähnlich wie der Porsche, der plötzlich nach Tempo 250 am Baum klebt – so wie es der 1.FC Nürnberg oder der 1. FC Kaiserslautern erlebt haben.

Oder Krebs. Langsam – schleichend – Chemo – aufkeimende Hoffnung …. dann Niedergang bis zum letzten Tag – nur, bei Krebs kann das Ende manchmal die Erlösung sein – im Fussball gilt das nicht.

Da geht die Scheisse nämlich erst richtig los.


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Vielleicht können die Rheinländer mit den schwersten Krisen auch besser umgehen, als der Rest der Republik. Während der Kölner selbst beim Abstieg schon wieder davon überzeugt ist „datt ett noch emmer jootjejange hätt“ jucken den Düsseldorfer weder Viertklassigkeit, Insolvenz oder der Abriss des Stadions.

Zur Not ignoriert man entweder den Klub oder die tatsächliche Situation.

In Kaiserslautern ist das anders. Da glaubst Du, wenn die absteigen zerfällt die ganze Welt wie nach einem Atomschlag.

Jedenfalls, als Fortuna Düsseldorf an diesem kalten aber sonnigen Samstag zum fälligen Bundesliga-Spiel im Stuttgarter Neckarstadion antreten muss, ist vom einstigen Glanz wenig übrig geblieben – die Mannschaft dümpelt irgendwo im Nirwana der Búndesliga herum, eine Gegend, für die sich ganz Deutschland geringfügig mehr interessiert, als über den Präsidenten von Tumbuktu.

Mit Wolfgang Kleff und Gerd Zewe verfügt Trainer Willibert Kremer an diesem Tag immerhin über zwei Spieler, die schon mehr Glanz und Gloria in ihrer Karriere erleben durften. Dazu kommen mit Holger Fach, Manni Bockenfeld, Ralf Dusend und Rudi Bommer Spieler, die talentiert sind und noch einige kleinere Höhepunkte erleben werden und mit Rüdiger Wenzel und Atli Edvaldsson zwei Stürmer, denen man durchweg Bundesliga Qualität attestiert, Spieler, die allerdings auch niemals allerhöchsten Ruhm in ihrer Karriere ernten werden und dazu gesellen sich mit Amand Theis und Günter Kuczinski zwei Defensiv-Akteure, an denen die Düsseldorfer Fans stets ihren Spass haben, zwei Spieler, die zuverlässig dafür sorgen, dass die Arztpraxen der gegnerischen Mannschaftsärzte stets gut besucht sind. Der mallorca-Schlager vom Holzfäler muss irgenwie in Anlehnung an diese Jungs entstanden sein.

Fortuna Trainer Willibert Kremer, der als hemdsärmeliger Malocher im Bundesliga-Metier gilt wird an diesem tag keinen Grund zum Auswechseln haben.

Anders – der VfB Stuttgart. Deren Trainer Helmut Benthaus kommt zwar gebürtig aus dem Pott, genauer aus Herne, umgibt sich aber, nach einer längeren Zeit als Spieler und Trainer beim FC Basel, gern mit der Aura des noblen Schweizers.

Auch beim Anblick der Stuttgarter Aufstellung würden Typen wie Reinhold Beckmann und Jörg Wontorra sofort mit der Zunge schnalzen, vor allem bei Nennung von Bernd und Karl-Heinz Förster oder Asgeir Sigurvinson. Der VfB Stuttgart wird diese Spielzeit als Tabellendritter abschliessen – um ein Jahr später die deutsche Meisterschaft an den Neckar zu holen –

Fortuna Düsseldorf wird die Tabelle als neunter abscliessen, dabei am letzten Spieltag Eintracht Frankfurt mit 5-1 von der Platte fegen und ein Jahr später am Ende einer denkwürdigen Spielzeit am letzten Spieltag eine 1-6 Klatsche gegen den VfL Bochum kassieren, als 14. abschliessen und somit die begeisternden Vorstellungen mit jeweils 4-1 gegen Bayern und Gladbach, nicht zu vergessen auch das 7-0 zu Hause gegen Dortmund … ehe es dann später ganz bitter würde.

Jedenfalls, als Fortuna Düsseldorf an diesem kalten aber sonnigen Samstag zum fälligen Bundesliga-Spiel im Stuttgarter Neckarstadion antreten muss, werden sich ziemlich genau 14.000 Zuschauer für diesen Kick interessieren, darunter einige wenige Hundert aus Düsseldorf.

Die meisten von uns reisen per Auto oder mit dem Bus an.

Schade eigentlich, denn die DEUTSCHE BUNDESBAHN hält zu dieser Zeit tolle Angbote bereit. Das legendäre Abteil des Jahres zum Beispiel : 210,00 DM zum Beispiel für ein komplettes Abteil mit 6 Plätzen.

Das macht für die 6 Sprit-Jets , die sich aus Hilden an diesem Samstag in aller Frühe aufmachen 35 Tacken pro Kopf und ebensoviel werden die anderen knapp 40 Fortunen in diesem Zug bezahlen, zu diesem Zeitpunkt nicht ahnend, dass im kalten Februar 1983 eine der heissesten Touren aller Zeiten folgen wird ….

 

POLIZEI SPORTVEREIN STUTTGART

In den 70igern und 80igern sind die beiden höchsten deutschen Profiligen Zuschauermäßig im Vergleich zu den modernen Tagen eindeutig im Hintertreffen.

Maßgeblich für den Niedergang der 70iger ist der Bundesligaskandal, rund um den FC Meineid, mit Rolf Rüssmann, oder Stan Libuda, Kickers Offenbach und Horst Gregorio Cannellas oder Manfred Manglitz vom 1.FC Köln – um nur einige zu nennen. Mitte der Aschziger bricht in Deutschland der tennis Hype aus und spätestens jetzt bist Du als Anhänger des Arbeitersportes Fussball der wirklich allerletzte Prolet.

Es spielt keine Rolle, ob Deine Puma Schuhe – Ausführung : Dietrich Weise schlappe 100 Mark kosten und Du es Dir leisten kannst, davon wenigstens 5 Paar im Schrank zu haben, Du 10 Röhren von Levis oder Wrangler plus ein paar megateure Puma Jogging Buxen in Grau mit rotem Streifen im Schrank hast.

Der Popper mit der Billig-Lederkrawatte von Strauss schneidet als Bewerber bei eventuell anstehenden Schwiegereltern regelmäßig besser ab als Du – der Fussballfan, frei nach dem Motto : Von Strauss gekleidet – von allen beneidet.

Die Polizei interessieren diese Dinge nicht.

Überhaupt ist die Polizeipräsenz in den deutschen Grossstädten und besonders an deren Hauptbahnhöfen trotz wesentlich geringerer Zuschauerzahlen im Vergleich zu Heute mehr als ordentlich.

Jedenfalls, als Fortuna Düsseldorf an diesem kalten aber sonnigen Samstag zum fälligen Bundesliga-Spiel im Stuttgarter Neckarstadion antreten muss – bekommen die etwa 40 per Intercity angereisten Fortunen am Stuttgarter Hbf einen kompletten Staatsempfang von Team Green.

Du wirst gefilzt, als ob Du beim Präsidenten der Vereinigten Staaten persönlich vorsprechen wolltest, allerdings wird Dir großzügig gestattet, Dein mitgebrachtes Partyfaß nebst einigen Flachmännern und einigen anderen Gegenständen von denen später die Rede sein wird in den Schliessfächern des Stuttgarter Hauptbahnhofes zu deponieren.

Und nun geht es weiter – für etwa 40 Fortunen, flankiert von etwa 100 oder mehr Polizisten, Richtung Cannstädter Bahnhof – gleich einem Staatsempfang, jedoch ohne rotem Teppich und nicht im Daimler, sondern per S-Bahn.

Wir, die Sprit-Jets haben uns nach dem Spiel mit einigen Stuttgarten verabredet, das war damals glaube ich der Fan-Club Rot-Weiss Betzingen, aber es waren wohl auch Fllztalschwaben mit dabei.

Aus dieser Party wird nix werden – jedenfalls vorläufig nicht. Bekanntermaßen ist das Verhältnis zwischen Stuttgarter und Düsseldorfer Fans eh angespannt, seitdem etliche Schwaben in der Düsseldorfer Altstadt gut was auf die Glocke, aus welchen Gründen auch immer, bekommen haben. Unsere Verabredung sollte eh zunächst eher konspirativ sein …. .

Im Augenblick steht was anderes im Vordergrund.

Es gibt nämlich kein Bier im Neckarstadion. Jedenfalls kein richtiges, ich weiss auch gar nicht, ob es damals schon falsches gab. Abhilfe schafft hier umgehend die Suttgarter Polizei.

Das glaubt Ihr nicht ? Nein ?

So war es aber.

Unmittelbar hinter der Gästekurve des Stuttgarter Neckarstadions liegen nämlich die Sportplätze des Polizeisportvereins Stuttgart und, wer meint, Polizisten seien nicht geschäftstüchtig, in ihrer Freizeit, der irrt – und zwar gewaltig. Jedenfalls – die Polizisten verkauften Bier und hatten auch extra einen Bierstand auf ihrer Platzanlage aufgebaut . Dummerweise versagte dann irgendwann die Zapfanlage und für die inzwischen vielleicht 50 oder 60 Düsseldorfer sah es zumindest dursttechnisch schlecht aus.

Aber nur für kurze Zeit. da hatten die Polizisten nämlich Nachschub besorgt. Jetzt kam das Dinckelacker nicht mehr aus dem gediegenen Fass – sondern direkt aus der Flasche. 0.5. Liter – versteht sich. Ohne Pfand – konntest Du überall mit Dir rumschleppen … .

Seit dem Tag glaube ich auch, dass Polizisten keine halben Sachen machen, sondern wenn schon, dann höchstens halbe Liter verkaufen.

UNION SOLINGEN ? oder ….

Blau-Gelber Samba am Neckar ….

In der 36. Spielminute liegen sich die 300, vielleicht 400 mitgereisten Fans der Fortuna glückselig in den Armen.
Ein schnell vorgetragener Angriff und der Düsseldorfer Ralf Dusend schliesst gnadenlos zur, zu diesem Zeitpunkt gar nicht mal unverdienten Führung für die Rheinländer ab.

Zu diesem Zeitpunkt ist nicht nur ganz Stuttgart überrumpelt, sondern auch die Düsseldorfer Fans reiben sich verwundert die Augen. Fortuna spielt nämlich im ungewohnten Blau, mit gelben Streifen an Ärmeln und Hosen, fast so, wie Union Solingen auswärts.

Stuttgarts Trainer Helmut Benthaus denkt hingegen automatisch ans Hinspiel. Auch da ging die Fortuna mit 1-0 in Führung, damals durch Holger Fach zu Beginn der zweiten Hälfte, ehe der Stuttgarter Karl Allgöwer nach gut einer Stunde den Ausgleich und gleichzeitig den Endstand dieser Partie herstellt.

Was auch auffällt, im Rückspiel in Stuttgart hat Trainer Willibert Kremer inzwischen Jörg Berger als Trainer abgelöst. Berger war, wenn ich das richtig in Erinnerung habe ausgerechnet nach einem 3-3 bei Schalke 04 im Gelsenkirchener Parkstadion abgelöst worden. Dieses Spiel fand, so meine ich, an einem Freitag Abend statt.

Ebenfalls nicht mit von der Partie an diesem kalten Samstag in Stuttgart sind auf Düsseldorfer Seite Ludger Kanders, der bei Trainer Willibert Kremer keine sonderliche Chance mehr erhalten wird und auf Stuttgarter Seite der Franzose Didier Six.

Back to Topic ….

Über die Führung kann Fortuna sich nicht lange freuen, weil dem Ex-Bochumer Thomas Kempe für den VfB Stuttgart wenige Minuten vor Halbzeit der Ausgleich gelingt und wie schon im Hinspiel wird die Begegnung schliesslich unentschieden 1-1 enden, auch weil da eine Fortuna Mannschaft aufopferungsvoll darum kämpft, einen Punkt mit zurück an den Rhein zu nehmen.

Das Stuttgarter Neckarstadion ist damals, wie heute eines der langweiligsten Stadien, welche der deutsche Fussball so zu bieten hatte. Früher – Oval, beide Kurven frei, Laufbahn., beide Geraden überdacht, eine davon allerdings mit einem charmanten englischen Spitzdach.

Stimmung in Stuttgart bei 14.000 Zuschauern etwa so, als wenn Frieda Meier aus Oberbilk beerdigt würde.

Die mitgereisten Fans der Fortuna feiern den verdienten Punkt beim Favoriten aber – nur die Jungs, die wenig später die Heimreise im planmäßigen Intercity München Hbf – Stuttgart Hbf, umsteigen in Mannheim Hbf antreten werden, wissen längst noch nicht, dass die Samba gleich erst richtig losgehen wird.

Die Passagiere im Intercity von München nach Stuttgart, zur Weiterfahrt Richtung Mannheim haben sich inzwischen bequem im Zug eingerichtet.

Während in manchen Abteilen die ersten Leselampen eingeschaltet werden, treffen sich andere Reisende im Speisewagen, um noch einen Snack oder einen Kaffee zu bestellen.

Der Zug befindet sich jetzt irgendwo zwischen Ulm und Plochingen auf der Strecke nach Stuttgart ….

JETZT BRENNT DER BAUM …

Nach dem Spiel löst sich die Düsseldorfer Fan – Kolonne schnell auf.
Die meisten eilen zu ihren Autos oder den wenigen Bussen, die nach Stuttgart gefahren sind.

Anders die 40 Bahnreisenden. Von denen wird jeder einzelne von wenigstens 3-4 Polizisten bewacht, das ganze vorne hinten und seitlich flankiert durch weitere Einsatzkräfte und seit diesem Tag weiß ich, was man in Fachkreisen unter „Abschirmung von starken Raumschutzkräften „ versteht.

Die bahnreisenden Fortunen freuen sich zwar über den Punkt , sind aber einigermaßen verwirrt über das, was so weiter um sie herum geschieht. Vereinzelt fliegen Flaschen und Steine und die Polizisten murmeln unter einander von „was grösserem geplant oder so“.

Der S-Bahnhof Bad-Cannstadt ist komplett gesperrt, für die 40 VIP`s aus NRW, später – zu unserer Verwunderung aber auch der komplette Stuttgarter Hauptbahnhof.Da kommt keine Maus mehr rein oder raus. In Windeseile werden verschiedene Partygegenstände aus den Schließfächern geholt und dann steht auch schon der, von einer E-Lok, Baureihe 103 geführte IC bereit.
Während der Zug aus dem hell beleuchteten Stuttgarter Hbf in die Dunkelheit rollt nehmen die Düsseldorfer ihre Plätze im 2. Klasse Bereich ein und eh man sich versieht :

NOTBREMSE.

Und sofort wird der >Zug und komischerweise am meisten der „Düsseldorfer Waggon bombardiert. Während viele reisende in Panik ausbrechen wissen wir sofort was los ist, und noch besser, was zu tun ist.

Im Blitzverfahren werden die Ausgänge besetzt. Die Sprit-Jets ffnen schon mal das Partyfässchen, unter ungläubigem Staunen der anderen reisenden, Motto, man kann ja nie wissen ;-).

Urplötzlich bricht die Attacke ab und der Zug nimmt Fahrt auf. Wir sind doch etwas erleichtert.

Später erfahren wir, dass es Stuttgartern in „Zivil“ gelungen ist, in den Zug zu steigen und an einem vereinbarten Punkt die Notbremse ziehen. Die ganze Aktion ist trotzdem dilettantisch geplant und endet, weil die ersten Stuttgarter Angriffsreihe in den eigenen Steinhagel läuft.

Dafür steht in Mannheim die nächste Hundertschaft auf dem Bahnsteig. Martialisch, weisse Helme, Schutzschilder , Gummiknüppel – um die Düsseldorfer festzunehmen, weil die laut deren Einsatzleitung den Waggon demoliert haben. Der Zugführer klärt das Missverständnis auf, ehe wir in einem extra für uns bereit gestellten Waggon und entsprechender Begleitung Richtung Heimat kommen.

Die Düsseldorfer Polizei versucht danach noch Wochen später durch Interviews heraus zu bekommen, was passiert ist.

Wir wissen es nicht, weil wir in dem Hagel von Steinen und Leuchtraketen auch draußen nichts erkennen konnten.