Freunde – es zählt

 

FREUNDE ES ZÄHLT … 18.09.2013

Wenn Du heutzutage – und fast egal – wann durch die Düsseldorfer Altstadt schlenderst, siehst Du sie an jeder Ecke und auf jeder Etage – Sommer wie Winter – drinnen und draussen, in der Kneipe links, rechst , vor und hinter der Theke und unter der Decke – die Flachbildschirme – in allen Grössen und Auflösungen – Ton – auf Vollbeschallung – draussen, reisserische Plakate – da wo früher für Champignon Schnitzel geworben wurde, steht jetzt fett in Kreide oder Megamarker : Heute Championsleague, morgen U19 EM, übermorgen Ü60 der Frauen 

Und was weiss ich alles noch.

Gezeigt wird Fußball, rund um die Uhr – und wenn kein Fußball zu zeigen ist, laufen die Wiederholungen vom Vortag, immer und immer wieder und jedes einzelne Tor, jeder umstrittene Pfiff des Schiedsrichters, wird aus gefühlten 100 Kamerapositionen .

Wenn Du dann durch die Hi-Fi-TV Gassen der Altstadt durchgestolpert bist hast Du einen Grünstich in der Optik. Ich jedenfalls.

Früher hätten wir davon geträumt, Fussball in Farbe – und alles rund um unseren Verein stets und ständig präsentiert zu bekommen – aber aus diesem Traum von damals ist längst ein Horror Traum geworden. 

Warum eigentlich – warum war das früher alles viel schöner gewesen – und ich meine sogar fast – viel intensiver als heute, wo Du Fussball per TV oder interaktiv fast rund um die Uhr leben kannst.

Ortswechsel – Hilden, 55.000 Einwohner, südlich direkt an Düsseldorf angrenzend,. Heimat von damals nenneswert 2 Vereinen, dem VfB Hilden 03 und der SP.-VG. Hilden 05/06 – spät in den 70igern und frühen 80igern gesellte sich dann auch der SV Hilden Nord zu den Amateurklubs, über die man in Hilden sprach.

Und weil Sonntags kein Fussball im TV zu sehen war, ausser Abends in der Sportschau – Kurzberichte erst über die alten Regionalligen und mit Einführung der zweiten Bundesliga über diese eben – ging man Sonntags zum Sportplatz.

Der VfB Hilden spielte eine ordentliche Rolle in der Landesliga, immerhin die vierthöchste Spielklasse und an der legendären Hoffeldstrasse, mitten in einem Wohngebiet nahe am Stadtzentrum drängten sich nicht selten 1.000 – 2.000 Zuschauer, wenn die Traditionsklubs vom Niederrhein wie etwa der 1.FC Viersen oder der Rheydter SV ihre Visitenkarte abgaben – und wenn es zu den Lokalderbies gegen TuSPO Richrath, den VfL Benrath 06, TuRu 80 Düsseldorf, den BV04 Düsseldorf oder den DSC 99 Düsseldorf kam, waren es auch schon mal an die 3.000 Besucher.

Samstags – 15:30 war Bundesliga – und Du warst entweder im Stadion oder am Radio. Sport und Musik hiess der Dauerbrenner damals glaube ich – und die Stars am Mikrophon waren Kurt Brumme, Dietmar Schott oder Jochen Hageleit, um einige zu nennen – Typen, die mir immer wie ältere und sonor-seriöse Kollegen am Schreibtisch vorkamen und sehr gefasst und sachlich von den Spielen reportierten und trotzdem den Witz und Humor oder die Frozzelei, die Du auf jedem Meckerhügel eines Amateurfußballplatzes hören kannst einbrachten, wenn es die Situation hergab.

Bleiben wir in Hilden – dort, wo in der Mühlenstrasse im Stadtzentrum das Sportstudio – das Verkehrslokal des VfB Hilden liegt und wenn Du Samstag nicht ins Stadion zur Fortuna gingst, dann hierher – weil ab 15:30 das Radio lief und ich selber als Gast mit grad 17 oder 18 der jüngste unter den 10 oder 12 anderen Stammgästen war, die es jeden und jeden Samstag zum Fussball hören in die Kneipe trieb.

Deren Rituale hatte ich schnell raus. Gegen 14:00 trudelten sie langsam ein, alles gesetzte ältere Herren, Ende 30 – Anfang – Mitte 40, Jacket, Stoffhose und unterschieden sich äusserlich kaum von meinem Vater oder meinen Onkels.

Zuerst wurde die Glückszeitung ausgebreitet und die Fußball Toto Scheine für die kommende Woche ausgefüllt – man war vertieft in Formbarometer der Mannschaften, kreutze hier und da 1 – Heimsieg 0 – Unentschieden oder 2 Gast ein. Bedächtig wurden die ersten Altbiere gekippt, auf der Theke Zigarettenpackungen, Peter Stuyvesant – HB, Reval oder Rote Hand.

Hier und da las einer Kicker – und weil ich schon zusätzlich die damals noch existierende Fussballwoche,. die Konkurenz des Kickers mitschleppte galt ich ganz schnell als Experte – weil die FuWo längst nicht jeder zum Kicker oder dem Boulevward las. 

Ab 15:00 munterte die kleine Herrenrunde langsam auf. 

Statt Alt bestellte man ab da ein Gedeck, was für mich unheimlich seriös klang – das Gedeck : ein Alt, ein Samtkragen und ab 15:30 gings rund. 
Schädel, einer der profilierten Stammkunden erzählte mir – was da laufen würde – in der Runde : Auf einer Liste trug jeder das Spiel ein, wo das nächste Tor fallen würde – und wer das richtig tippte durfte zur Strafe eine Runde ausgeben – Samtkragen.

Normal gewinnst Du beim Spielen, wenn Du triffst, hier würest Du verlieren – wenn Du richtig getippt hattest – und bei 10 bis 15 Mann und 9 Bundeligaspielen verlor mindestens bei jedem 2. Tor einer und so wie der Fussel auf der Theke stand – dröhnte Schädel wieder : Freunde – es zählt, auf zum nächsten Tor.

Ab der Konferenzschaltung, die so ohne Musikunterbrechung während der 2. Halbzeit lief wurde es schon mal schwierig, genau nachzuhalten, für wen eigentlich was zählen würde – und sicherheitshalber zählte man auch schon mal vorsorglich doppelt, in diesen Tagen und man hatte es schwer zu lauschen, wenn Jochen Hageleit alte Anekdötchen von Strassenbahnduellen zum besten gab oder Dietmar Schott ewig währende Ranglisten bemühte – weil es zwischendurch immer wieder zählte.

Um 17:15 war ausgezählt – dann lagen alle Ergebnisse vor – und es folgte der Fussball aus England.

Kurt Brumme telefonierte dann immer mit Toby Charles wegen der First Division Ergebnisse aus England und Standardfrage war eingangs immer – Hallo Toby , wie ist das Wetter drüben bei Euch.

Toby erzählte dann von „Drüben,“ Wie Sunderland im Roker Park gegen Aston Villa gespielt hatte, er berichtete von der Maine Road in Manchester – wo es schneite, vom Highbury , wo es regnete und erzählte was vom Sonnenschein aus Köln, weil er vergessen hatte, das er gar nicht aus England telefonierte sondern aus einem Studio von BFBS, was nur einen Steinwurf weit vom WDR Funkhaus am Wallraffplatz lag. 

Nach diesem Abstecher auf die Insel hies es, warten – Sonntags unter dem Motto, Bubiboko (Bumsen bis Bonanza kommt) Samstags eher ohne Motto – auf die Sportschau – zum Bubiboko waren auch längst zu viele Samtkragen gekreist.

Jetzt füllte sich die Kneipe und alles drängte sich um den mittelgrossen Schwarz-Weiss Fernseher, der schnell auf einem Stuhl in der Garderobe neben Eingang, Flipperautomat und Rotamint – Maschine aufgestellt wurde. 

Ab jetzt würde direkt im Schnellverfahren jeder mit dem Tod, mindestens aber mit Lokalverbot auf Lebenszeit bestraft werden, wer den Rotamint während der Sportschau neben dem Fernseher fütterte.

Die Runde schwieg, rauchte und wartete auf Ernst Huberty – einen einzigartigen Moderator mit einer besonderen Erfindung, die er sich leider niemals patentieren liess. 

Er hatte nämlich das FC – Gesicht schlechthin erfunden. Gäste, welche die Radio -Übertragung verpasst hatten brauchten nicht lange nach dem FC – Ergebnis zu fragen – grinste Huberty bei der Anmoderation der Sportschau, hatte der FC gewonnen – machte er ein eher unverbindlich gezungen wirkendes Gesicht – Du hast es richtig geraten , hatten die Geissböcke verloren.

In ein paar Minuten wurden einige Ausschnitte einiger – ich glaube noch nicht mal aller Spiele gezeigt – und wer mehr wissen wollte musste dann bis zum Sportstudio im ZDF warten – wenn Dieter Kürten zusätzlich zu den Spielen noch mit Stars wie Günther Netzer fachsimpelte. Dä Jünta – lange Mähne, schwarzer Rollkragen, Jacket, Stoffbuxe mit Schlag und blitzblank geputzten Ausgehschuhen schoss dann noch ein paar mal eher ungelenk als lässig auf die immer noch existierende Torwand, drei oben, drei unten. 

Wer das aber sehen wollte musste das zu Hause tuen, weil in der Kneipe nach der Sportschau abgeschaltet wurde und der Plattenteller angeschmissen wurde – die Kugel im Flipper rollte und der Rotamint schluckte Münzen – .

Die meisten aus der geselligen Herrenrunde würden nun nicht mehr zählen – jedenfalls nicht mehr in Samtkragen – Währung. Ausserdem würde es schon morgen mit Fussball weitergehen, auf dem VfB Platz – oder mit dem VfB nach auswärts – feststehende Termine im Leben der damaligen Fussballfans.

Der Schädel, der Steifi und wie sie alle hiessen sind längst tot und würden sie noch leben – keiner würde noch „Freunde“ es zählt spielen – denn während Du überlegst, wo es denn als nächstes klingeln könnte, flimmert das Tor längst in allen Auflösungen über die mindestens 5 Monitore in der Kneipe – und in Ruhe Radio hören kannst Du Dir auch schenken, seitdem diese unerträgliche Schreitante Töpperwien bei jedem Tor einen scheinbar unglaublichen Abgang hat und hemmungslos ins Mikrophon brüllt.

Im Gegensatz zu früher sind die Stadien der Bundesliga Woche für Woche rappelvoll. 

Radio hört kaum noch ener und in der oben geschilderten Art sowoeso nicht.

Freunde – es zählt war eh ein Verlierer Spiel – und, wo wir schon beim verlieren sind – längst verloren hat der Amateurfussball – seit die Profiligen sich von Freitag bis Montag mit ihren Spielplänen über das ganze Wochenende ausgebreitet haben und Fussball schon ab Mittags auf der Mattscheibe läuft.

Dort an der Hoffeldstrasse, wo sich vor Jahren noch über 3000 Zuschauer zum Derby gegen den VfL Benrath zum Beispiel drängten würden heute zum gleichen Spiel vielleicht noch 100 bis 150 Zahlende stehen, wenn überhaupt und auf den anderen Plätzen sieht es ähnlich trist aus.

Und deshalb weiss ich auch nicht, ob trotz aller beeindruckenden Zuschauerzahlen, Rekorde und Megasummen der Fussball längst zum Verliererspiel geworden ist.

Weil vergessen wird, dass der deutsche Vereinsfussball nicht nur aus 36 Profi-Klubs besteht sondern noch aus einigen anderen tausend Vereinen

Auch deshalb vermisse ich die Ansage vom Schädel – wenn es früher hiess : Freunde – es zählt.